Das ist ein guter Weg
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Es gab einen Moment – ich war vielleicht 34 – da habe ich in einem Gespräch wieder angefangen, mich zu erklären. Warum ich auf bestimmte Reize so reagiere. Warum Lärm mich erschöpft. Warum ich nach einem langen Tag einfach keine Worte mehr habe.
Mitten im Satz habe ich aufgehört. Nicht weil mir die Worte gefehlt hätten – sondern weil mir klar wurde: Ich erkläre mich schon mein ganzes Leben lang. Und es hilft nicht. Die, die mich wirklich verstehen wollen, tun das auch ohne lange Ausführungen. Und die anderen werden es nicht verstehen – egal wie viele Worte ich finde.
Ich bin nicht kaputt. Ich bin anders zusammengesetzt.
Die Diagnose – Asperger, Hochsensibilität – hat keinen neuen Menschen aus mir gemacht. Aber sie hat mir Sprache gegeben. Sprache für das, was ich schon immer war. Ich verarbeite Reize intensiver. Ich brauche mehr Zeit zwischen Menschen. Ich bin nach einem Einkaufszentrum so erschöpft wie andere nach einem Arbeitstag.
Das ist keine Schwäche. Das ist meine Physiologie.
Was sich seither geändert hat: Ich erkläre mich nicht mehr – ich beschreibe mich. Das ist ein Unterschied. Erklären heißt, sich zu rechtfertigen. Beschreiben heißt, sich zu zeigen. Und ich möchte mich zeigen – auf diesem Blog, in meinen eigenen Worten, in meinem eigenen Tempo.
Wenn du das hier liest und dir vorkommt, als würde ich über dich schreiben – vielleicht tue ich das ja ein bisschen. In gewissem Sinne schreibe ich für alle, die sich ihr ganzes Leben lang gefragt haben, warum sie anders funktionieren als die meisten um sie herum.
Für viele Menschen ist Stille schön, aber nicht zwingend nötig. Für mich ist sie lebensnotwendig. Das klingt dramatisch – ist es aber nicht. Es ist einfach meine Physiologie.
Wenn ich zu lange in lauten Umgebungen bin – Supermärkte, Bahnhöfe, Familienfeiern – dann kippt irgendwann etwas in mir. Es ist keine schlechte Laune, es ist keine Unhöflichkeit. Es ist Erschöpfung auf einer Ebene, die schwer zu erklären ist. Alle Eindrücke landen gleichzeitig und mit voller Lautstärke.
Stille ist für mich keine Abwesenheit von Geräuschen. Es ist die Anwesenheit von mir selbst.
Was mir geholfen hat: nicht mehr zu warten bis es kippt, sondern vorher rauszugehen. Kleine Auszeiten. Kopfhörer. Der Garten. Mein Hund, der keine Antworten erwartet. Ich habe aufgehört, mich dafür zu entschuldigen – und angefangen, es als das zu behandeln was es ist: eine Notwendigkeit, keine Schwäche.
Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Nicht weil sich irgendetwas an mir verändert hätte. Sondern weil ich jetzt einen Namen habe für das, was ich schon immer war.
Ich war Ende dreißig, als die Diagnose kam. Asperger-Autismus. Hochsensibilität. Zwei Worte, die auf einmal erklärten, warum ich mein ganzes Leben lang das Gefühl hatte, die Regeln eines Spiels nicht zu kennen, das alle anderen scheinbar mühelos spielen.
Ich war nicht kaputt. Ich war nicht zu empfindlich. Ich war einfach anders verdrahtet.
Was danach kam, war kein Jubel. Eher eine stille Erschöpfung – und dann, ganz langsam, Erleichterung. Das alles ergibt jetzt Sinn. Die Überreizung. Die sozialen Missverständnisse. Das ewige Maskieren. Ich musste mich nicht mehr dafür schämen, dass ich so bin wie ich bin.
Ich glaube an etwas. Aber ich kann es nicht benennen – und das ist in Ordnung. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben.
Ich war nie religiös im klassischen Sinne. Kirche fühlte sich fremd an – zu viele Regeln, zu viele Erwartungen, zu viele Menschen auf zu engem Raum. Aber das Gefühl, dass da mehr ist als das was ich sehen und anfassen kann – das hatte ich immer.
Vielleicht ist Spiritualität einfach die Fähigkeit, sich klein zu fühlen – und das schön zu finden.
Als neurodivergenter Mensch erlebe ich Dinge intensiver. Tiefer. Manchmal schmerzhafter. Aber auch das Schöne trifft mich so. Ein Sonnenuntergang. Mein Hund, der schläft. Der erste Kaffee am Morgen, wenn die Welt noch still ist. Das ist für mich Spiritualität – keine Theorie, sondern ein Gefühl.