Anders denken, fühlen, wahrnehmen – nicht schlechter, nicht besser

Was Neurodivergenz bedeutet, sachlich erklärt – vom Spektrum bis zu den Stärken.

Kein Mensch denkt, fühlt und nimmt die Welt genau gleich wahr. Bei den meisten Menschen arbeitet das Gehirn auf eine ähnliche, weithin „typische“ Weise – bei manchen aber spürbar anders. Genau das beschreibt der Begriff Neurodiversität: dass es diese Vielfalt im menschlichen Denken und Erleben gibt und dass sie zum Menschsein dazugehört. Sie ist ein Teil der natürlichen Vielfalt – kein Fehler, der behoben werden müsste.

Neurotypisch und neurodivergent

Menschen, deren Wahrnehmen und Denken dem entspricht, was als üblich gilt, nennt man neurotypisch. Menschen, deren Nervensystem deutlich anders arbeitet, sind neurodivergent. Die große Mehrheit der Menschen ist neurotypisch, ein kleinerer Teil neurodivergent – und allein das erklärt für viele Betroffene ein ganzes Leben lang gefühltes Anderssein. Zu den neurodivergenten Ausprägungen zählen unter anderem das Autismus-Spektrum (zu dem auch das gehört, was lange als Asperger bezeichnet wurde), ADHS und Hochsensibilität, dazu Besonderheiten wie eine Rechenschwäche (Dyskalkulie) oder die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und zu benennen (Alexithymie).

Ein Spektrum, keine Schublade

Vor allem Autismus ist ein Spektrum: Es reicht von kaum auffällig bis sehr ausgeprägt und sieht bei jedem Menschen anders aus. Dazu kommt, dass mehrere dieser Ausprägungen bei einem Menschen zusammentreffen können – Hochsensibilität, Autismus und ADHS zugleich zum Beispiel. Gerade deshalb passt selten eine einzige Schublade. Jeder Mensch im Autismus-Spektrum hat seine eigene Persönlichkeit, seinen eigenen Charakter, seine eigenen Interessen: Wer einen kennt, kennt genau einen.

Anders – nicht besser, nicht schlechter

Das Denken, Reden und Handeln neurodivergenter Menschen kann sich deutlich von dem neurotypischer Menschen unterscheiden – oft vielschichtiger, oft direkter und unverblümter. Damit gehen häufig besondere Stärken einher: ein genauer Blick fürs Detail, ausgeprägte Mustererkennung, Ehrlichkeit und Loyalität, ein starker Gerechtigkeitssinn, eine sehr feine Sinneswahrnehmung und der Mut, eigene, kreative Lösungswege zu gehen. Nichts davon ist mehr oder weniger wert als eine neurotypische Art zu sein.

Es geht nicht um ein Besser oder Schlechter, sondern um ein tiefempfundenes Andersein.

Wenn die Reize zu viel werden

Manche Begriffe tauchen rund um Neurodivergenz immer wieder auf – und werden leicht missverstanden. Ein Meltdown ist kein Wutanfall und kein Charakterfehler, sondern eine neurologische Reaktion auf Überlastung: Wenn zu viele Reize oder Anforderungen zusammenkommen, ist das Nervensystem überfordert. Es folgt eine überwältigende Reaktion, dann eine Art Abschalten, danach große Erschöpfung. Ähnlich verhält es sich mit dem, was als autistischer Burnout beschrieben wird – einem Zustand tiefer Überlastung, in dem selbst alltägliche Handlungen schwer oder unmöglich werden. Er erklärt, warum Betroffene mitunter als „nicht belastbar“ gelten, obwohl sie über lange Zeit weit mehr getragen haben, als ihnen zugetraut wurde.

Oft spät erkannt – gerade bei Frauen

Viele neurodivergente Menschen, besonders Mädchen und Frauen, werden erst spät oder gar nicht erkannt. Oft lernen sie früh, sich anzupassen – soziale Regeln nachzuahmen, Augenkontakt zu erzwingen, die eigene Anstrengung zu verbergen. Von außen wird die Neurodivergenz dadurch unsichtbar, und die Diagnose kommt entsprechend spät. Wenn sie dann kommt, ist sie für viele vor allem eine Erleichterung: Sie gibt eine Erklärung – kein Urteil.

Was Neurodivergenz nicht ist

Neurodivergenz ist keine Krankheit, die geheilt werden müsste, und kein Charakterfehler. Sie hat auch nichts mit dem Narzissmus-Spektrum zu tun – das sind grundverschiedene Dinge, und es ist wichtig, sie nicht miteinander zu verwechseln. Über Neurodivergenz aufzuklären heißt, zu verstehen – nicht zu diagnostizieren und nicht zu bewerten.